Aus Wein wird Vogelgesang

Drei mit Traubenmost gefüllte Glasgefäße sind derzeit bei den Stiegen im Wiener Konzerthaus aufgebaut. Es handelt sich um eine Klanginstallation der Künstler Enrico Ascoli und Hilario Isola. Durch die Gährung des Weins steigt Gas auf, das durch Honig gebunden ist und bei der Gefäßöffnung oben zerplatzt. Dadurch entstehen Geräusche, die wie Vogelgezwitscher klingen. Mit dieser Idee werden die Gäste im Konzerthaus auch in den Pausen in Staunen versetzt.

Wein im Konzerthaus

Die Klanginstallation wird mit Mikrofonen verstärkt

Wenn im Konzert die Sonne aufgeht

„Und Gott sprach: Es werde Licht“. Gerade in diesen kalt-regnerischen Tagen ist die musikalische Botschaft von Joseph Haydns „Schöpfung“ eine sehr willkommene. Am Mittwoch war das berühmte Oratorium im Konzerthaus zu hören. Der Italiener Giovanni Antonini dirigierte sein Originalklang-Ensemble Il Giardino Armonico und den Chor des Bayerischen Rundfunks. Für den Großen Saal war die Besetzung etwas zu klein. Die mächtigen Lobpreise, die die Schöpfung so einzigartig machen, drangen nicht in aller Klangfülle bis ins hinterste Eck vor. Musiziert wurde aber in gewohnt hoher Konzerthaus-Qualität. Und Haydns Erschaffung der Welt macht immer Freude. Wer die Aufführung nachhören will, kann das online tun. Das Konzert wurde von einem deutschen Klassikportal mit zahlreichen Mikrofonen und Kameras aufgezeichnet.

Die Schöpfung im Konzerthaus

Die Solisten Anna Lucia Richter (Sopran), Maximilian Schmitt (Tenor) und Florian Boesch (Bass) zauberten Haydns Bilder gekonnt in die Köpfe des Publikums

Nachts im Museum: Die Höhepunkte von Ganymed in Love

Wenn man in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums gemütlich am Boden, am Klappsessel oder auf der Couch sitzt und Musikern wie Schauspielern gebannt zuhört, wie sie Kunstwerke von Rubens, Caravaggio und Co. mit neuen Texten und Musik zum Leben erwecken… Das ist Ganymed! Dieses Jahr drehte sich alles um die Liebe.

Überraschend, beeindruckend, verstörend – die Highlights von Ganymed in Love:

MIra Lu Kovacs vor Rubens' das Haupt der Medusa

Wenn Mira Lu Kovacs ihre großartige Stimme beim schaurigen Lied von Henry Purcell erhebt, kriecht das Haupt der Medusa quasi aus Rubens‘ Gemälde.

Johanna Prosl und Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers

Das kleine Mädchen im Pyjama mit dem Teddy in der Hand erwischt seinen Vater mit heruntergelassener Hose vor dem Bildschirm mit eindeutigem Inhalt. Da bleibt einem kurz die Spucke weg. Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers ist ab jetzt wohl für immer die kleine Billie.

Adam und Eva alias Martin Ptak und Benny Omerzell

„Adam und Eva“ spielen ein geniales vierhändiges Klavierstück vor Hans Memlings gleichnamigem Bild.

Performance vor Caravaggios Rosenkranzmadonna

Jean Philippe Toussaint fragt sich, was in Caravaggios Rosenkranzmadonna die vielen Hände sagen wollen. Vielleicht könnte jemand, der mit Gebärdensprache vertraut ist, das entziffern? Und so wird sein Text „Die Hände“ von vier Personen mit aufgeregten Gebärden unterstützt – Action pur.

Martin Eberle und Manaho Shimokawa

Die Hl. Margarete von Raffael hat Martin Eberle zum torch song inspiriert. Klemens Lendl von den Strottern spielt die Geige und lässt sich bei der schrägen Nummer von Manaho Shimokawa mit Ausdruckstanz und langen Haaren einhüllen.

Manu Mayr vor Bruegel-Gemälden

Auf Klarinetten-Seufzer und Kontrabass-Gekrächze folgt beim Stück „A Place in the Heart“ imitiertes Babygeheul und orientalische Musik. Da tut man sich schwer, die Verbindung zu Bruegels Bauernhochzeit herzustellen.

Rania Ali vor der Kirschenmadonna

Rania Ali fragt vor Tizians Kirschenmadonna Leute aus dem Publikum direkt: „Do you know what love is?“, „Mothers love is always stronger, right?“, „Do you love yourself?“. Über eine der Erdbeeren – ein Symbol der Liebe – darf sich am Ende der Performance eine Dame aus dem Publikum freuen.

Schauspieler Peter Wolf und das Gleichnis vom verlorenen Sohn

Schauspieler Peter Wolf erzählt im roten Jogger, was sich der Wiener Philosoph Franz Schuh zum Gleichnis vom verlorenen Sohn überlegt hat. Wie soll ein Vater zum Sohn sein? Gütig, streng, züchtigen? „Aus menschlicher Sicht müssen auch für den Großen Gott die Möglichkeiten, seine Kinder falsch zu erziehen, unendlich sein. Der Sohn Gottes ist für uns am Kreuz gestorben – das ist keine Kleinigkeit und es ist keine Kleinigkeit, einen solchen Tod für das Richtige zu halten.“

Besucherinnen vor Bruegels <em>Bauernhochzeit</em>

Nach Ganymed lässt es sich ganz anders über die Gemälde der großen Meister diskutieren!

Beeindruckende Inszenierung von Soap&Skin im Konzerthaus

Mit ihrer authentisch schrägen Art begeisterte Anja Franziska Plaschg alias Soap&Skin mit einem 8-köpfigen Musikensemble am Mittwoch das Publikum im vollen Konzerthaus. Der Abend zeigte wieder einmal, dass das wunderschöne Ambiente des Hauses nicht nur den klassischen, eleganten Konzertbesuchern, sondern auch einem stylischen, hippen Publikum einen perfekten Inszenierungsrahmen bietet.

Soap&Skin zeigte in einer beeindruckenden Performance ihr außerordentliches Talent und Variantenreichtum. Trotz der Bandbreite und Vielfalt an Stimmungen der Stücke bleibt sie immer authentisch. Jede Schrägheit wirkt natürlich und echt. Das Spektrum reicht von melancholischen, mit Spotlight auf Klavier und Stimme fokussierten Stücken (Cynthia) bis zu dramatischer Orgelmusik, Stimmverzerrer und Tanzmoves (Falling). Von sensibel verletzlich bis brutal stark versteht es Soap&Skin auf eindringliche Art, Emotionen zu vermitteln. Die unterschiedlichen Charaktere werden zusätzlich von Licht und Sprache unterstrichen (Voyage, Voyage und Mawal Jamar). Ein besonderes Highlight war Vater.

Ein simples „Danke, dass ihr alle da seid“ leitete den Abend ein, die restlichen knapp zwei Stunden kamen ohne viel Pausen und Zwischengeplänkel aus, wodurch ein Gesamterlebnis mit Fokus auf die Musik und ihre tranceartige Wirkung entstand.

Botschaften mit Bass und Blech

Eigentlich würde auch sie sich lieber mit Instragram, Katzenvideos oder Memes ablenken. Da müsste die 28-Jährige aber den aktuellen Rückschritt, die Einzelfälle, das Ausgrenzen und das Angst schüren ignorieren. Und das geht dann auch wieder nicht. Die Wiener Poetry-Slammerin und Rapperin Yasmo fordert daher lieber lautstark zum Handeln auf – in ihrem neuen Popsong und Album „Prekariat & Karat“. Yasmos Botschaften zu Politik, Frauenbild und Gesellschaft kommen dabei ziemlich energiegeladen, funky und gut gelaunt daher. Das liegt vor allem an ihrer hervorrragenden Bigband. Diese Kombination aus Rap und Blechsound funktioniert bestens – und hat es wohl möglich gemacht, dass Yasmo und die Klangkantine im Jazzklub Porgy & Bess auftreten durften. Genauer gesagt zweimal. Ausverkauft. Zurecht!

Yasmo und die Klangkantine mit 5/8erl in Ehr'n

Yasmo bekommt Unterstützung von „5/8erl in Ehr’n“ und der Klangkantine

Neuer Jazz für alte Filme

Dass Stummfilme nicht ausgestorben sind, hat der  Kinofilm The Artist vor acht Jahren gezeigt. Der oscarprämierte Soundtrack dazu wurde vom Brussels Jazz Orchestra eingespielt. Am Sonntag traten die renommierten Jazzmusiker im Wiener Konzerthaus auf. Mit dabei hatten sie zwei Stummfilme samt Leinwand: konkret den Kurzfilm An Eastern Westerner mit Komiker Harold Lloyd und die Kinderbuch-Verfilmung Pollyanna mit dem damaligen Publikumsliebling Mary Pickford – beide aus dem Jahr 1920.

Das Brussels Jazz Orchestra im Konzerthaus Wien

Das Brussels Jazz Orchestra spielte „zum Aufwärmen“ Joris Berts „Only for the honest“

Wenn Film von Musik ablenkt
Die große Frage bei live gespielter Filmmusik ist oft: Konzentriert man sich mehr auf den Film oder auf die Musik? Beim Brussels Jazz Orchestra ist die Antwort einfach: Die BigBand musizierte oscarreif – beim zweiten Film sogar eine Stunde lang ohne Unterbrechung. Herrlich! Ob die selbst komponierten Jazzklänge tatsächlich so gut zu den alten Filmen gepasst haben, darüber lässt sich diskutieren.

Geschichte der Symphonie Nr. 5

In Russland gab es einst zwei Zeitungen. Die eine hieß „Wahrheit“, die andere „Nachrichten“. Die Leute scherzten, dass es in den Nachrichten keine Wahrheit gab und umkehrt. 1936 war in der „Wahrheit“ ein Artikel über Dmitri Schostakowitsch zu lesen. Unter dem Titel „Chaos statt Musik“ wurde der junge russische Komponisten-Superstar heftig und unerwartet kritisiert. Es hieß sinngemäß, Schostakowitschs Musik sei für die Sowjetunion nicht geeignet und daher unerwünscht. Er müsse seinen Stil ändern. Hinter dem Artikel wurde Stalin vermutet, da der Autor nicht – wie sonst üblich – angegeben war. Ab sofort galt Schostakowitsch als Volksfeind. In Russland wollte niemand mehr seine Stücke aufführen.

Antwort an Freunde und Feinde
Der Komponist, der fortan wie andere unerwünschte Künstler um sein Leben fürchten musste, antwortete 1937 mit der Symphonie Nr. 5 in d-Moll op. 47. Ein Werk mit – wie vom Regime gefordert – eingängigen, leicht singbaren Melodien. Aber mit mehreren Ebenen und verborgenen Botschaften. Neben politischen „Statements“ soll der verheiratete Schostakowitsch etwa seine Geliebte Elena „Lala“ Carmen verewigt haben – mit dem Stammton La (Im Italienischen wird die Tonleiter Do, Re, Mi, Fa, So, La, Si gesprochen. Ein La entspricht also einem A) und Motiven aus der Oper „Carmen“.

Werk zum Entdecken
Mit diesem umfangreichen Hintergrundwissen boten der russische Dirigent Andrey Boreyko und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien am Wochenende die Symphonie Nr. 5 im Radiokulturhaus dar. Das eindrucksvolle Werk ist wirklich eine Entdeckung. Es lohnt sich, mehr darüber zu „googeln“ und dann gespannt zuzuhören.

Das RSO

Das RSO „probte“ für seinen Auftritt kommende Woche in der Sarjadje Philharmonie in Moskau.