Ablästern im Volkstheater

[von Bernhard Kobler] Das Volkstheater hat seine Pforten wieder geöffnet und beweist mit Molieres Komödie „Der Menschenfeind“, dass sich der Besuch wieder lohnt. Regisseur Felix Hafner versteht es, den 300 Jahre alten Stoff modern und mit viel Komik auf die Bühne zu bringen. „Menschenfeind“ Alceste, gespielt von Lukas Holzhausen, will immer die Wahrheit sagen, die natürlich niemand hören will. Gerade deshalb hat es der Protagonist sehr schwer, in seiner Welt voller Heuchler und Falschheit. Kaum verlässt eine Figur die Szene, wird schamlos abgelästert.

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Auf der Volkstheaterbühne wird gelästert und geschimpft.

Der durchwegs gereimte Text wirkt zunächst irritierend, wird aber nach kurzer Zeit zum wichtigen Element für den schnellen und kurzweiligen Rhythmus – und sorgt durch charmante Wortwitze für viele Lacher. Auch der Blick auf die gereimten, englischen Obertitel lohnt sich. Nach rund 90 Minuten ist der Spaß vorbei, bei dem jeder verliert, nur nicht der Theatergast. Eine Ode an die Falschheit!

Buchtipp: „Pater Martin 2“ von Florian Kobler – rund 80 neue Anekdoten und Abenteuer des beliebten Franziskanermönchs. Mit humorvollen Comics von Georg Atteneder.

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Eine Operette in schwarz-weiß

Gebundene Hände, das ist das Ende, jeder verliebten Passion“ , singt Hollywood-Diva Gloria Mills in Ralph Benatzkys „Axel an der Himmelstür“. Die Operette mit den vielen bekannten Schlagerhits ist derzeit an der Wiener Volksoper zu sehen – und zwar komplett in schwarz-weiß. Vom Bühnenbild bis zu den Sängern ist alles in Graustufen gehalten. Das Satirestück mit Wien-Bezug funktioniert generell wie ein lustiger Stummfilm – samt Slapstick, Montagetricks und echtem Orchester. Zusätzlich wird das gerade moderne Whiteboard, das man aus YouTube-Erklärfilmen kennt,  effektvoll eingesetzt. Fazit: Erstaunlich wie unterhaltsam eine alte Operette inszeniert werden kann. Ein wirklich vergnüglicher Abend in der Volksoper. Sehen- und hörenswert!

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Farbe gibts erst nach dem Schlussapplaus.

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Für gut befundene Künstler

„Es ist auch bei uns nicht alles optimal gelaufen“ – soll Kaiserenkel Karl Habsburg zum Ausgang des ersten Weltkriegs gesagt haben. Mit diesem Zitat startet „Der allerletzte Tag der Menschheit“ von Hosea Ratschiller und dem Duo RaDeschnig.  Das Stück wird heuer mit dem Österreichischen Kabarettpreis  – Sparte Programmpreis – ausgezeichnet. Der Hauptpreis geht an Thomas Maurer für sein Werk „Der Tolerator“. Der 49-Jährige feiert bei einem Gläschen Wein. „Als junger Mensch habe ich eher Bier getrunken, weil der Wein in Wien nicht zum Saufen war, zumindest nicht in Lokalen, die man sich leisten konnte.“

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Haderer, Eckhart, Maurer, RaDeschnig, Ratschiller

Inzwischen ist der Wein für Maurer interessant geworden – vor allem wegen des Geschmacksträgers Alkohol. Um ausgiebig verkosten zu können, drehte er kürzlich eine siebenteilige TV-Serie mit dem Titel „Warum Wein„. Warum? Warum nicht! „Gegen das Gschiss, das in Asien um Tee gemacht wird, ist das Gschiss,  das wir Westler um Wein machen, lächerlich.“ Neben Poetry-Slammerin Lisa Eckhart (Förderpreis) wird auch Karikaturist Gerhard Haderer (Sonderpreis) ausgezeichnet. Der 65-Jährige kommentiert mit seinen Zeichnungen kritisch und unterhaltsam aktuelle Entwicklungen – besonders auch im monatlichen Schundheff Moff. Unbedingt abonnieren!

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Kardinal auf der Life-Ball-Bühne

Was war das für ein Moment, als Kardinal Christoph Schönborn am Freitag plötzlich auf der Bühne des Red Ribbon Celebration Concert im Burgtheater stand. Es war der Abend, an dem auch die Lange Nacht der Kirchen stattfand. Der Kardinal nahm sich dennoch Zeit, mit roter Schleife eine Rede für den Life Ball zu halten. Er sprach davon, Vorurteile abzubauen, dass es um Menschen geht und darüber, wie wertvoll das Gespräch ist. Ein starkes Signal. Doch auch sonst hatte das Konzert viel zu bieten: Der Auftritt von Anna Netrebko,  das Barockorchester Wiener Akademie unter der Leitung von Martin Haselböck, aber auch das Duett „That’s What Friends Are For“ von Dionne Warwick und Cheyenne Elliott. Einziger Wehrmutstropfen: Die zwar emotionale, aber leider unvorbereitete und viel zu lange Dankesrede von Life-Ball-Chef Gery Keszler. Ansonsten jedoch ein Top-Konzert, eine Aneinanderreihung von Highlights.

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Top: Das Bühnenbild und die Visuals der Videokünstler Opium Effect

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„Idealer Gatte“ als Russland-Satire

Warum setzen sich Ende Mai tausende Menschen in Wien freiwillig in eine dunkle Halle und sehen sich dort ein vierstündiges Theaterstück – auf Russisch mit deutschen Untertiteln – an? Schuld sind die Wiener Festwochen: Am Programm steht der „Der ideale Gatte“, eine Produktion des  Tschechow Künstlertheaters Moskau. In Konstantin Bogomolovs Fassung spielt Oscar Wildes Komödie jedoch nicht in London, sondern in Russland. Auch die Geschichte weicht vom Original ab: Ein schwuler Schlagerstar hat eine Beziehung mit einem Minister – und wird mit einem Sexvideo erpresst.

Bogomolov kritisiert mit seinem Stück die offizielle russische Einstellung zur Homosexualität, die Korruption, den Nationalstolz, die reiche Gesellschaft, die Olympischen Spiele in Sotschi, den Kreml. Es ist eine Inszenierung, die Politiker in Russland angeblich gerne verbieten würden, aber aufgrund des großen Erfolgs beim Publikum nicht können. Auch in Wien sitzen sehr viele Russen im Publikum.

Der Ideale Gatte

Applaus für ein mutiges Ensemble im MuseumsQuartier

Keine Frage, vier Stunden sind eine lange Zeit. Aber die Schauspieler spielen hervorragend. Stück sowie Inszenierung sind zudem äußerst unterhaltsam: Es wird getötet, gesungen und amerikanische Popmusik gespielt, es wird auf der Bühne mitgefilmt und live auf Leinwand übertragen, es gibt Rückblenden, Videoeinspielungen und skurrile Werbeunterbrechungen. Zusätzlich wird die Geschichte mit Anspielungen, Zitaten und Kommentaren aus „Faust“, „Romeo und Julia“, „Drei Schwestern“ und „Dorian Gray“ aufgepeppt.  Zwei Zitate, die in Erinnerung geblieben sind: „Frauen sind ein dekoratives Geschlecht“ (Oscar Wilde) oder „Frauen inspirieren uns zu großen Dingen und hindern uns dann, sie auszuführen“ (Alexandre Dumas der Jüngere). Fazit: Ein unkorrekter, böser, hochpolitischer Theaterabend, der jede Menge Spaß macht.

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Ballett-Weltstars sorgen für Wow-Effekt

Ballett – klingt fad, alt und nach Tutu. Doch hin und wieder sollte man das Risiko eingehen und sich eine Tanzvorstellung ansehen. Zum Beispiel in der Wiener Staatsoper. (Die hat angeblich einen ganz guten Ruf…) Gestern Abend standen Choreografien von Hans van Manen, Alexander Ekman und Jiří Kylián am Programm. Also drei Stücke von völlig unbekannten Leuten – mit zwei Pausen. Das hält man aus! Mehr noch. Das war großartig!

Hans van Manen, Alexander Ekman, Jiří Kylián

Beim ersten Stück: „Adagio Hammerklavier“ wird harmonische Musik mit schönen Tanzfiguren verbunden. Beim zweiten Stück kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus: Stomp-Rhythmus-Einlagen, Pantomime, Humor, Theater, Clownerie und ein Streichquartett auf der Bühne. Ein Wahnsinn! Beim dritten Stück gibts dann noch offenes Feuer und oberkörperfreie Balletttänzerinnen. Also für jeden was dabei! Fazit: Wer nicht hin und wieder in die Staatsoper geht, der überlässt den Touristen das Beste an Wien.

Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.

Golf im Orchestergraben

Selten war Text so egal, wie in Rene Polleschs Stück „Cavalcade or Being a holy motor“, das derzeit am Wiener Akademietheater zu sehen ist. Natürlich, Martin Wuttke, Birgit Minichmayr und Ignaz Kirchner spulen in ihrem pausenlosen Redefluss große Themen wie Liebe, Träume und Gesellschaft mithilfe zahlreicher Anspielungen und Zitate, von Sigmund Freud, über Star Wars bis zu Britney Spears, und mit Humor ab. Doch die Aufmerksamkeit liegt auf eigentlich woanders: Bei ihren Spielzeugen auf der Bühne.

Hingucker: Ein Kampfjet schwebt über der Bühne

Hingucker: Ein Kampfjet über der Bühne

Zum einen wäre da der Orchestergraben, der mit bunten Plastikbällen – wie man sie aus dem Kinderparadies im Einkaufszentrum kennt – gefüllt ist. Hier gehen die Schauspieler golfen – oder auf Tauchstation. Zum anderen ein riesiger Kampfjet, der über der Bühne schwebt. Diesen entern die Schauspieler im Brautkleid oder im Affenkostüm. Oder sie landen das Flugzeug in New York. Fazit: Klingt verrückt und absurd? Ist es auch. Aber für 75 Minuten unterhaltsam und abwechslungsreich genug.

Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.