Eine schräge Winterreise

Das Stück „Winterreise“ von Elfriede Jelinek am Wiener Akademietheater (Inszenierung: Stefan Bachmann) ist absolut sehenswert. Nicht nur der Text ist schräg, sondern auch die Bühne. Die Schauspieler seilen sich – wie auf einer Kletterwand – an der Bühne ab und reden über Natasha Kampusch, über Bankskandale, das Internet und über die Vergänglichkeit des Lebens. Dazu kommt Livemusik – Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Der Sänger Jan Plewka ist übrigens nicht stark verkühlt, der „singt“ angeblich immer so.

Filmabspann im Theater :-)

Filmabspann im Theater 🙂

Der Text von Jelinek ist zwar interessant und witzreich, aber manchmal doch etwas langatmig. Doch der Schluss des Stücks ist eine Wucht. Hier kommt dem Publikum nicht nur ein Skifahrer, ein Snowboarder und ein Schlittenfahrer entgegen, sondern auch eine geballte Ladung österreichischer Aprés-Ski-Stimmung. Mit Turbobier, Schlagermusik, Schnee und allem was dazu gehört. Ein toller Theaterabend!

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Kugelschreiber-Diebe im Akademietheater?

Was für ein Theater um einen Kugelschreiber! Wenn man sich im Wiener Akademietheater in eine Liste einträgt, bekommt man das Monatsprogramm kostenlos via Post zugeschickt. Der dafür bereit gestellte – unglaublich wertvolle – Kugelschreiber wurde bereits mit dicker Schnur an der Ringmappe befestigt, um ihn vor bösen Dieben zu schützen. Doch damit nicht genug. „Bitte den Kugelschreiber da lassen!“ steht noch sichtbar für alle Theaterbesucher auf der Mappe. „Weshalb? Weg mit ihm!“, war die Antwort 😉

"Bitte Kugelschreiber da lassen!" - "Weshalb?"

„Bitte Kugelschreiber da lassen!“ – „Weshalb?“

Da machen es die Organisatoren der Wiener Festwochen geschickter. Da bekommen die Theaterbesucher bei jeder Vorstellung einen Kugelschreiber geschenkt 😀

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Premiere von „Knistern der Zeit“

Die anfänglichen Befürchtungen, einen Kinoabend mit Theater-Nerds und Schlingensief-Fans zu erleben, waren unbegründet. Ein bunt durchmischtes Publikum erlebte heute die Österreich-Filmpremiere der Dokumentation „Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso“ im Akademietheater.

Zu Beginn las Schauspieler Joachim Meyerhoff – nachdem er theatralisch ein Glas Wasser austrank – aus dem neuen Buch „Ich weiß, ich war’s“ einen Text, in dem das Operndorf-Projekt vorgestellt wurde. Schon bevor Schlingensief an Krebs erkrankte, wollte er eine Oper, eine Schule, eine Krankenstation und Wohnungen in Afrika aufbauen. Dabei spielte aber (angeblich) nicht das Gutmensch-Syndrom, oder das Setzen eines Denkmals eine Rolle, sondern hauptsächlich die Kunst. Er wollte als Europäer den Afrikanern nichts aufzwingen, sondern von ihnen lernen. Er betrachtete Theater als Kunst für die Seele, als etwas Heilsames.

Moderator Claus Philipp, Regisseurin Sibylle Dahrendorf, Aino Laberenz und Francis Kéré.

Moderator Claus Philipp, Regisseurin Sibylle Dahrendorf, Aino Laberenz und Francis Kéré.

Der Film „Knistern der Zeit“ bekräftigte diese Gedanken. Man sah Schlingensief, wie er gemeinsam mit Architekt Francis Kéré und den Einheimischen in Burkina Faso ein Dorf aufbaute und – schon während der Entstehung – Theater spielte. Schlussendlich erlag Schlingensief seiner Erkrankung und seine Freundin Aino Laberenz entwickelte das Projekt weiter. Anfang 2013 soll die Krankenstation – mit dem Schwerpunkt auf Augen und Zähnen – fertig werden. In der bereits eröffneten Schule werden derzeit 100 Kinder unterrichtet.

Nach dem Film – der aus vielen Handykamera-Einstellungen und Zeitwechsel besteht – gab es eine Gesprächs- und Diskussionsrunde. Franicis Kéré reiste extra aus Afrika an, um bei der Premiere dabei sein zu können. Er war vom Film sichtlich gerührt und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Ich war heute um 15 Uhr noch im Operndorf. Und was soll ich sagen? Es läuft!“ Aino Laberenz erzählte vom neuen Buch, das hauptsächlich aus Tonaufzeichnungen von Schlingensief besteht: „Ich wollte den Künstler Schlingensief zeigen. Damit sich andere so viel wie möglich aus ihm rausholen können, so wie er es bei anderen Leuten auch gemacht hat.“

Die Premiere von „Knistern der Zeit“ war informativ, manchmal komisch und meist sehr berührend. Ein sehr empfehlenswerter Film – auch für jene, die Schlingensief vorher nicht kannten. Hier der Trailer zum Film.

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Gespenster im Akademietheater

Wer lockere und lustige Abendunterhaltung sucht, der sollte sich „Gespenster“ von Henry Ibsen im Akademietheater nicht ansehen. Die Inszenierung von David Bösch ist zwar grandios, drückt aber gewaltig auf die Stimmung. Einerseits durch die nebelig, düstere Schwarz-Weiß-Film-Athmosphäre, andererseits durch die Personen, die das Familiendrama auf die Bühne bringen. Johannes Krisch spielt einen aggressiven und bedrohlichen Alkoholiker, der seine naive Tochter (Liliane Amuat) besitzen will. Martin Schwab vertritt in der Rolle des Pastors die scheinheiligen, traditionellen (und frauenfeindlichen) Ideale der Gesellschaft. Kirsten Dene spielt eine Mutter, die viel zu spät die Wahrheit spricht und Markus Meyer ihren Sohn, einen kranken Künstler, der sich das Leben nimmt.

Höhepunkt des Stückes ist, wenn es auf der Bühne regnet, die Gespenster im Bühnenbild auftauchen und der kranke Sohn die Büste seines Vaters, der wesentliche Schuld an der Familienträgödie trägt, mit einem Hammer zerschlägt. Ebenfalls erwähnenswert sind die vielen kleinen Gesten, die dem Stück Tiefe aber auch ein bisschen Komik verleihen. Tiefpunkt des Stückes ist es, wenn die Stimmung mit dem Lied „Father And Son“ von Cat Stevens unnötig zerstört wird. Danach verliert das Stück auch an Tempo. Das Finale, eine Dia-Show mit Kinderzeichnungen, beeindruckt allerdings. Langer Applaus. Großes Theater! Wunderbar bewegender Abend!

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Die Liebe zum Nochniedagewesenen

… so heißt das aktuelle Werk von René Pollesch am Akademietheater. Der Inhalt? Es unterhalten sich die Schauspieler Martin Wuttke, Stefan Wieland, Catrin Striebeck und Margit Carstensen über die Liebe, die Tragödie, die Katastrophe und die Krise. Das Stück spielt auf Woody Allens Film „Sweet and Lowdown“  an und besteht aus philosophischer und höchst amüsanter Hirnwixerei. Ein Redeschwall in Spielfilmlänge. Besonders Martin Wuttke stottert und spuckt vor sich hin.

Auf der Bühne befindet sich ein riesiger, aufblasbarer, goldener Knoten, der an eine Hüpfburg, an eine überdimensionalisierte, aufgeblasene Schwimmweste oder an einen Haufen Hundescheiße erinnert. Martin Wuttke tanzt vor dem Knoten in einem Faunkostüm (mit Huf-Stiefletten), Catrin Striebeck kriecht darin mit einer Stirnlampfe entlang. Dazu gibt es Musik von The Beach Boys.

Langeweile kommt in „Die Liebe zum Nochniedagewesenen“ keine auf. Das liegt daran, dass viele Teile des Stückes live mitgefilmt und nur auf einer Leinwand gezeigt werden. Das Stück wechselt ständig zwischen Kino und Theater. Die Kamerafrau und die Tonassistenten sind für alle gut auf der Bühne zu sehen, genauso wie die Souffleuse, die ihren Job erledigt und daran erinnert, dass gespielt wird. Beeindruckend ist außerdem das Bühnenbild. Höhepunkt ist ein stürmisches Meer, auf dem Margit Carstensen auf einem Boot fährt – und natürlich der goldene Knoten.

Der Knoten wird aufgeblasen und ausgelassen. Er geht aber bis zum Schluss des Stückes nicht auf. Obwohl sich die Zuschauer vergeblich Bemühen, den Inhalt der philosophischen Gespräche auf der Bühne zu folgen, sind sie am Ende so klug wie vorher. Fazit des Abends: Ein höchst komisches und sinnloses Stück mit vier Schauspielern, die sich in glitzernden Ballett-Kostümen und viel heißer Luft zum Affen machen, mit beeindruckendem Knoten-Bühnenbild und unterhaltsamer Theater-Film-Technik.

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„Der zerbrochne Krug“ im Akademietheater

Wer Vertrauen in die Justiz hat und es behalten will, sollte sich „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist im Akademietheater nicht ansehen. Wer eine Bühne voller Schlamm sowie einen unterhaltsamen und humorvollen Abend mit grandiosen Schauspielern erleben will, dem kann die Inszenierung von Matthias Hartmann empfohlen werden.

Es dauerte keine Minute bis der weiße, quadratische Gerichtssaal in der Mitte der Schlammbühne befleckt ist. Zuerst blutete und kotzt ihn der Dorfrichter Michael Maertens voll, dann beginnt eine Schlammschlacht zwischen Klägern, Verteidigern und dem Gericht. Gegenstand des Verfahrens ist ein zerbrochener Krug. Doch in Wahrheit geht es um viel mehr. Zwei Stunden lang wird der Zuschauer überrascht und muss am Schluss zu Kenntnis nehmen, dass jeder im Gerichtssaal Dreck am Stecken (und an den Schuhen) hat. Ebenso der sonst so saubere Gerichtsrat Roland Koch versinkt am Schluss im Schlamm. Und auch das Publikum wird nicht verschont. Daher folgender Tipp: Die erste Reihe ist in „der zerbrochne Krug“ nicht zu empfehlen. (Obwohl der Gerichtsrat dem Publikum versichert: „Für die Reinigung der Kleidung kommt das Gericht auf!“)

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Ein Kind ging mit seiner Laterne…

…bis es durch die Luft flog. Wer bereits Stücke von Roland Schimmelpfennig gesehen hat, den wird „Das fliegende Kind“ im Wiener Akademietheater nicht überraschen. Das Bühnenbild ist schwarz. Die Schauspieler bleiben stets auf der Bühne. Der Inhalt ist tragisch und komisch zugleich. Die Schauspieler wechseln ständig die Rollen und sprechen (erzählen und singen) teilweise in Chören. Die Kraft des Stücks liegt in der Fantasie der Zuschauer. Worum geht es? Ein Kind wird vom eigenen Vater auf der Straße mit dem Auto überfahren. Der Vater war im Stress, das Handy läutete, das Radio war zu laut, er vergaß das Licht einzuschalten, es war ein dunkler Novemberabend. Das Kind verließ die Kindergruppe, die mit Laternen von der Kirche wegzog.

Schimmelpfennig inszenierte das Stück selbst. Er ging dabei kein Risiko ein und setzte im Großen und Ganzen seine geniale Standardbesetzung ein. Beeindruckend waren die drei Kirchenglocken, die der Turmarbeiter Johann Adam Oest in Schwingung brachte, die Zieharmoniker-Klänge von Falk Rockstroh, das Baby- und Urwaldgekreische von Peter Knaack, Barbara Petritsch, Regina Fritsch und Christiane von Poelnitz. Fazit: Ein bewegender Abend.

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