Social Media auf der Kabarettbühne

„Stirb bitte!“ schreibt die eine Zwillingsschwester der anderen unter ihr hochgeladenes Klarinettenvideo. Doch weil solche Aufforderungen in sozialen Netzwerken „ja meistens eh nur sowas wie eine patschert formulierte Einladung zur Kontaktaufnahme sind“, kommen die Zwillinge nach langer Zeit wieder ins Gespräch. „Was willst du? Brauchst du eine Niere?“

Radeschnig Doppelklick Flyer

Nicole und Birgit RaDeschnig spielen in „Doppelklick“ mit ihrer Zwillingsrolle und zeigen, was sie musikalisch draufhaben. Am Mittwoch war umjubelte Premiere im Kabarett Niedermair.

Mehr als Katzenvideos
Bewafftet mit Klarinette und Harmonika widmen sich Nicole und Birgit RaDeschnig in ihrem fünften Programm „Doppelklick“ dem Internet. Sie manipulieren auf der Bühne eine Wahlrede, machen aus einem Fernsehinterview über zusammengefahrene Katzen einen Musikremix à la Kurt Razelli, leugnen die Herkunft von Vorarlberg und wundern sich über die verschiedenen Google-Suchergebnisse über Chemnitz, die sie je nach eigener Echokammer bzw. Filterblase ausgespuckt bekommen.

Das Duo RaDeschnig bleibt sich treu und zeigt ein wahnsinnig-intelligentes Kabarett voller Überraschungen, Ideen und künstlerisch top umgesetzter Sketches.  Das ist eine Warnung für alle, die einen einfachen Wohlfühlabend erwarten.

Buchtipp: BlöZinger – die ersten zehn Bühnenjahre des Clown- und Kabarettduos.

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Die Hungrigen und die Satten

Timur Vermes ist „wieder da“ – und zwar mit seinem Roman „Die Hungrigen und die Satten“ (Eichborn Verlag). Dieses Mal geht es nicht um Hitler, sondern um Europas Umgang mit Flüchtlingen. Der Inhalt: 150.000 Flüchtlinge verlassen ein Lager und marschieren – gefilmt von einem Privatsender – nach Europa. Die Sendung wird ein Quotenhit und sorgt für Millionen Euro an Werbeeinnahmen.

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„Die Hungrigen und die Satten“ ist kulturblogger.at zur Verfügung gestellt worden.

Das Buch ist der „zweite Geniestreich“ von Vermes (sprich Vermesch), der noch „böser, realistischer und komischer“ als sein offizieller Debütroman ist, sagt Schauspieler Christoph Maria Herbst, der das Hörbuch eingesprochen hat. Aber es gibt auch kritischere Stimmen. Der Falter ist etwa der Ansicht, dass im neuen Bestseller Klischees über Politiker und Medienmenschen „abgemolken“  werden. Es lese sich überhaupt „wie ein Filmscript – inklusive detailfreudiger Regieanweisungen, die sich dem Verzehr von Kirschtomaten oder dem Getränkekonsum widmen.“ Fazit: Wer das 510 Seiten dicke Buch nicht lesen mag, kann auf den Film warten. Der kommt bestimmt.

Von Müllfischern und „ultimativen Ausländern“

Der 26-jährige Oberösterreicher Berni Wagner erfüllt sich in Wien den Traum des mittellosen Künstlerdaseins – und erzählt davon in seinem neuen Kabarettprogramm „Babylon“. Diese Woche war Premiere im Kabarett Niedermair.

„Willst du mit mir Dumpstern gehen?“, wird er von einer Veganerin auf einer Party gefragt. „Ich hab das Wort nicht gekannt. (…) Noch im Müllraum dachte ich, das wäre ein Fetisch.“ Als sie ein Steak aus dem Container fischt, erklärt sie:  „Ich bin vegan. Außer beim Müll. Weil ich finde, da ist es wirklich schon hin…“. Er selbst, der drei Monate lang auf Weltreise war, findet das Müllfischen bzw. das „auf Zehenspitzen um den ökologischen Fußabdruck Herumtänzeln“ etwas heuchlerisch. „So viel Müll kannst du gar nicht essen wie du schon verflogen bist“, schimpft ihn die Banane aus Costa Rica. Außerdem erdumpstert der gierige Student so viel, dass ihm zuhause die Hälfte schlecht wird und er sie erst recht wegwerfen muss.

Berni Wagner (c) Ernesto Gelles

„Warmduscher“ ist für Berni Wagner keine Beleidigung: „Ich will nicht frieren unter der Dusche, nur weil ihr ein Männerbild aus ‚Triumph des Willens‘ habt.“

Fazit: Berni Wagner erzählt in „Babylon“ skurrile Wien-Anekdoten, die unter anderem die Doppelmoral unserer Gesellschaft aufzeigen. Mit voller Power liefert er ein sehr intelligentes Kabarett mit genialem Höhepunkt: Er hetzt das Publikum gegen die „ultimativen Ausländer“ auf – die Außerirdischen. Das Publikum freut sich und folgt dem starken Bühnenmenschen im Gleichschritt.

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Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.

Gesteuerte Puppen und Drohnen

Es ist natürlich beeindruckend, wenn Dronen mit Suchscheinwerfern über den Köpfen tausender Fans schweben, wenn Kanonen Luftschlangen in die Menge schießen, wenn mit Konfetti gefüllte und leicht zerplatzende XXL-Luftballone durch die Massen wandern, wenn eine drehende 360-Grad-Bühne inklusive 60 Meter Steg mithilfe von durchsichtigen Leinwandnetzen mit riesigen Visuals bespielt werden kann – aber dabei bleibt es ja nicht: Muse überzeugen mit einer musikalisch perfekten, durchchoreografierten Show. Konzerte, wie jenes am Montag in der Wiener Stadthalle, sind eine Aneinanderreihung von Höhepunkten und Überraschungen. Absolutes Highlight: Wenn bei „The Handler“ mit Visuals dargestellte Hände die Musiker an Fäden wie Puppen tanzen lassen.

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Muse spielen musikalisch wie technisch in der ersten Liga.

Buchtipp: „Pater Martin 2“ von Florian Kobler – rund 80 neue Anekdoten und Abenteuer des beliebten Franziskanermönchs. Mit humorvollen Comics von Georg Atteneder.

Asylpolitik zum Lachen

Wem der Villacher Fasching gefällt, der wird auch mit der neuen Revue „Bitte alles aussteigen!“ im Kabarett Simpl seine Freude haben. Wobei der Vergleich vielleicht unfair ist, denn die Qualität der Gesangseinlagen und Sketches ist – dank des hervorragenden Ensembles – im Simpl deutlich höher. Positiv überrascht hat die Aktualität der Nummern: Griechenland-Krise, Wien-Wahl und Asyldebatte werden thematisiert – und das ziemlich deutlich. Wenn der Bürgermeister aus Niederösterreich mit der Innenministerin am Telefon über mögliche Asylquartiere verhandelt, bleibt einem das Lachen fast im Hals stecken. Fazit: Zwischen seichter Unterhaltung versteckt sich aktuelle, hochpolitische und bissige Satire. Mehr kann man vom Simpl nicht verlangen!

Applaus für das Kabarett-Simpl-Revue-Ensemble

Großer Applaus für das Kabarett-Simpl-Revue-Ensemble

Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.

Posaunisten mit Poesie

Wer Kirchensteuer zahlt, sollte am Sonntag auch in die Kirche gehen. Zum Beispiel zu einem Konzert. Eine Gelegenheit ergab sich gestern in St. Valentin: Trombone Attraction spielte die Premiere ihrer neuen Show „Mensch“. Die vier Posaunisten – zwei davon fixe Orchestermusiker der Wiener Volksoper – setzten dabei eher auf E- als auf U-Musik und versuchten das mit einer humorvoll-poetisch-durchchoreografierten Moderation auszugleichen. Fazit: Über Humor lässt sich streiten, über Qualität nicht. Trombone Attraction schaffen traumhaft-schöne Klänge und spielen Arrangements mit Überraschungen. Am meisten Freude bereiten sie mit Klassikern – etwa von Joe Zawinul.

Der Karliklub St. Valentin lud zum Kirchenkonzert mit

Der Karliklub lud zum Kirchenkonzert mit „Trombone Attraction“

Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.

Zoe verführt auf Französisch

Wer berühmt werden will, muss ins Fernsehen? Zoe, die Tochter von Papermoon-Sänger Christof Straub, hat mit ihren 18 Jahren schon reichlich TV-Erfahrung. Sie moderierte die Confetti-TiVi-Sendung „Close Up“, trat als Sängerin beim Kiddy Contest auf, wurde bei der Vorauswahl-Show für den Eurovision Song Contest „Wer singt für Österreich?“ bekannt und hatte seither eine Rolle in der TV-Serie „Vorstadtweiber“. Am 22. Oktober präsentiert sie ihr erstes Album mit dem Titel „debut“ im Café Francais. Darauf enthalten sind zehn Songs, darunter die bereits bekannten Nummern “Adieu” und “Quel Filou”. Fazit: Mit Ausnahme von „Mon coer a trop aimé„, wo der Computersound stört, werden die zumeist schwungvoll-einfachen Chansons („Je m’en fous“, „Danse avec moi“…) große Freude bereiten – vor allem Fans von französischen Chansons, Gypsy- und Elektroswing.

Da schau her: Das Coverfoto von Zoes Debutalbum geizt nicht mit Reizen.

Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.