Politische Töne bei Yellow Lounge

„My country is in trouble“, sagt die US-amerikanische Opernsängerin Nadine Sierra bei der Yellow Lounge im Wiener Porgy and Bess. Rassismus sei durch Präsident Donald Trump alltäglicher geworden.  Sierra, deren Eltern aus Portugal und Italien stammen, möchte daher mit ihrer Musik die Menschen wieder verbinden. „Es gibt einen Platz für jeden auf dieser Welt“ lautet ihre Botschaft. Die Sopranistin unterstreicht diese mit Leonard Bernsteins Somewhere und ihrem Album „There’s a place for us“. Die 30-Jährige ist über ihre Mutter zur Oper gekommen. In der Bücherei hat sie sich als Kind eine Aufnahme von Puccinis „La Bohème“ ausgeborgt und  sich sofort in die Oper verliebt. „Ich habe das Tape nie zurückgegeben. Ich habe es heute noch.“

Zweiter Stargast der Yellow Lounge war der schottische Komponist und Cellist Peter Gregson. Er komponiert für Hollywood (A Little Chaos) genauso wie für die „musikalisch boomende“ Computerspiele-Branche. Für sein neues Album hat er Bach „recomposed“. Warum? Weil er eine Suite von Bach wie eine Skulptur sieht. „Wenn man sie von einer anderen Seite in anderem Licht betrachtet, entdeckt man immer etwas Neues. Aber es ist immer noch dieselbe Skulptur.“ Bei der Yellow Lounge zeigte er mit eingespieltem Streichensemble und Visuals, wie man Klassik modern aufführen kann.

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Pfeifkonzert im MuseumsQuartier

Er ist ein schräger Vogel, dieser Nikolaus Habjan. Vielen kennen ihn als Puppenspieler, weniger bekannt ist seine musikalische Karriere als Kunstpfeifer. Am Samstag hat er gemeinsam mit dem Pianisten Daniel Nguyen zu einem Open-Air-Pfeifkonzert ins MuseumsQuartier geladen. Dargeboten wurden Opernklassiker wie „La Donna E Mobile“ (Rigoletto), „Der Hölle Rache“(Die Zauberflöte) oder Nessun Dorma (Turandot). Und weil das Publikum so still war, konnten alle im Kreis rundherum sein virtuoses Pfeifen bestens hören. Das Konzert regte außerdem oft zum Schmunzeln an. Weil ein Solist mit Dauer-Duckface und weißen Sportschuhen einfach lustig aussieht, und weil ein gepfiffenes Liedchen einfach Unbeschwertheit und Fröhlichkeit vermittelt. Außerdem top: Beim Konzert wurden Spenden für Flüchtlinge gesammelt.

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Nikolaus und Daniel bei Open Piano for Refugees

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Ballett-Weltstars sorgen für Wow-Effekt

Ballett – klingt fad, alt und nach Tutu. Doch hin und wieder sollte man das Risiko eingehen und sich eine Tanzvorstellung ansehen. Zum Beispiel in der Wiener Staatsoper. (Die hat angeblich einen ganz guten Ruf…) Gestern Abend standen Choreografien von Hans van Manen, Alexander Ekman und Jiří Kylián am Programm. Also drei Stücke von völlig unbekannten Leuten – mit zwei Pausen. Das hält man aus! Mehr noch. Das war großartig!

Hans van Manen, Alexander Ekman, Jiří Kylián

Beim ersten Stück: „Adagio Hammerklavier“ wird harmonische Musik mit schönen Tanzfiguren verbunden. Beim zweiten Stück kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus: Stomp-Rhythmus-Einlagen, Pantomime, Humor, Theater, Clownerie und ein Streichquartett auf der Bühne. Ein Wahnsinn! Beim dritten Stück gibts dann noch offenes Feuer und oberkörperfreie Balletttänzerinnen. Also für jeden was dabei! Fazit: Wer nicht hin und wieder in die Staatsoper geht, der überlässt den Touristen das Beste an Wien.

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Don Carlo leidet, das Publikum genießt

Der Hype rund um die Verdi-Oper Don Carlo bei den Salzburger Festspielen ist enorm. Schon bei der Generalprobe standen Stunden vor Vorstellungsbeginn zahlreiche Fans vor dem Festspielhaus, die verzweifelt Pappkartons mit der Aufschrift „Suche Karte“ in die Höhe hielten. Die 5-Stunden-Produktion (inkl. zwei Pausen) ist musikalisch auf allerhöchstem Niveau. Im Orchestergraben und auf der Bühne wird Perfektion geboten. Jonas Kaufmann als Don Carlo und Anja Harteros als Elisabetta singen sowieso perfekt, die anderen Hauptrollen sind ebenfalls grandios besetzt und die Wiener Philharmoniker sind auch in bester Form.

Don Carlo

Diskutieren könnte man über die farblosen Kostüme (Annamaria Heinreich) und über das einfallslose Bühnenbild (Ferdinand Wögerbauer). Okay, es gibt auch mal einen mit Wasser gefüllten Pool auf der Bühne und es werden Leute auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aber es wird visuell nichts geboten, das einen so richtig vom Hocker haut. Das erledigt ausschließlich die Musik.

Fazit: Diese Produktion sollte man sich vor allem anhören – am besten live (Premiere ist am 13. August), noch besser im Fernsehen (16. August in ORF 2), denn da bleibt man die fünf Stunden über beweglich und sitzt erste Reihe fußfrei.

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La Traviata: Musik ist Top, Inszenierung ein Flop

Was kann man von der Festwochen-Produktion „La Traviata“ erwarten – und was nicht? Sopranistin Irina Lungu begeistert mit ihrer Stimme (und Schönheit) in der Rolle der sterbenskranken Violetta, der Tenor Saimir Pirgu überzeugt als Liebhaber Alfredo und  Bariton Gabriele Viviani singt sich als dessen Vater in die Herzen des Publikums.

Nicht nur die Solisten, sondern auch der Arnold Schoenberg Chor und das ORF Radio-Symphonieorchester sind grandios, aber das wird bei Festwochen-Produktionen auch erwartet. Die Inszenierung von Deborah Warner ist nichts Besonderes und auch das Bühnenbild von Jeremy Herbert ist bis auf ein paar Lichteffekte völlig unspektakulär und minimalistisch angelegt. Der Inhalt der Oper ist sowieso bescheiden, sodass es sich nicht lohnt, den Text mitzulesen. Das ist aber gut so, denn so kann man sich auf das Wesentliche der Oper konzentrieren – auf die Musik von Giuseppe Verdi.

Omer Meir Wellber sitzt am Dirigentpult

Dirigent Omer Meir Wellber sitzt zwischen den Akten ruhig und gelassen am Dirigentpult

Im Zentrum der Musik (und der Kritiker) stand der junge Dirigent Omer Meir Wellber. Mit gerade einmal 31 Jahren leitete der israelische Komponist und Dirigent bereits Konzerte von Peking bis Wien. Trotz seiner beachtlichen Erfolge wirkte er bei der Wiener „La Traviata“ äußerst bescheiden. Zu Beginn begrüßte er das Orchester und wartete vor leerem Notenpult ruhig und gelassen auf den Beginn der Aufführung. Während der Oper dirigierte er höchst konzentriert und überließ nichts dem Zufall. Jeder Einsatz wurde gegeben, jeder Übergang wurde von ihm bestimmt. Bei den Arien lenkte er Ton für Ton und sang mit den Solisten leise mit. Damit gab er zwar Sicherheit, überließ den Musikern und Solisten aber keinen Freiraum.

In den Pausen wischte sich Omer Meir Wellber den Schweiß von der Stirn, schloss die Augen, neigte den Kopf und wartete ruhig auf seinen nächsten Einsatz. Immer wieder ließ er seinen energischen Blick durch den Orchestergraben wandern, trieb das Orchester an und beruhigte es sofort wieder. Er verstand es, die Musik von G. Verdi so zu interpretieren, dass man als Zuhörer vor Ergriffenheit eine Gänsehaut bekam. Wenn eine Stelle gut gemeistert wurde, applaudiert er voller Freude mit dem Dirigentenstab und gratulierte den Solisten und Musikern. Dazu hatte er oft die Gelegenheit.

Großer Applaus für das "La Traviata"-Ensemble

Großer Applaus für das „La Traviata“-Ensemble

Fazit: Die Festwochenproduktion „La Traviata“ ist ein musikalischer Traum und ein Erlebnis. Sowohl Dirigent Omer Meir Wellber als auch die Solisten liefern eine beachtliche Leistung ab. Diese Meinung teilten bisher zwar nur die wenigsten Kritiker, das Publikum zeigte sich jedoch mit lang anhaltendem Applaus und „Bravo“-Rufen begeistert. (Randnotiz: Ich bin froh, dass sich Österreich solche Produktionen leisten kann. Meine Studenten-Sitzplatzkarte über dem Orchestergraben kostete so viel, wie zwei Wurstsemmeln.)

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