Von Müllfischern und „ultimativen Ausländern“

Der 26-jährige Oberösterreicher Berni Wagner erfüllt sich in Wien den Traum des mittellosen Künstlerdaseins – und erzählt davon in seinem neuen Kabarettprogramm „Babylon“. Diese Woche war Premiere im Kabarett Niedermair.

„Willst du mit mir Dumpstern gehen?“, wird er von einer Veganerin auf einer Party gefragt. „Ich hab das Wort nicht gekannt. (…) Noch im Müllraum dachte ich, das wäre ein Fetisch.“ Als sie ein Steak aus dem Container fischt, erklärt sie:  „Ich bin vegan. Außer beim Müll. Weil ich finde, da ist es wirklich schon hin…“. Er selbst, der drei Monate lang auf Weltreise war, findet das Müllfischen bzw. das „auf Zehenspitzen um den ökologischen Fußabdruck Herumtänzeln“ etwas heuchlerisch. „So viel Müll kannst du gar nicht essen wie du schon verflogen bist“, schimpft ihn die Banane aus Costa Rica. Außerdem erdumpstert der gierige Student so viel, dass ihm zuhause die Hälfte schlecht wird und er sie erst recht wegwerfen muss.

Berni Wagner (c) Ernesto Gelles

„Warmduscher“ ist für Berni Wagner keine Beleidigung: „Ich will nicht frieren unter der Dusche, nur weil ihr ein Männerbild aus ‚Triumph des Willens‘ habt.“

Fazit: Berni Wagner erzählt in „Babylon“ skurrile Wien-Anekdoten, die unter anderem die Doppelmoral unserer Gesellschaft aufzeigen. Mit voller Power liefert er ein sehr intelligentes Kabarett mit genialem Höhepunkt: Er hetzt das Publikum gegen die „ultimativen Ausländer“ auf – die Außerirdischen. Das Publikum freut sich und folgt dem starken Bühnenmenschen im Gleichschritt.

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Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

Frauen über 40 sind „esoterisch verwundbar“, sagt Pepi Hopf. Sie kaufen plötzlich aus Alufolie gebastelte Spiralen, um böse Handystrahlen abzufangen. Aber auch Männer sind Hosenscheißer – etwa, wenn sie auf fremde Klos gehen müssen. Oder sie haben Angst vor langen Wörtern. Das nennt man Hippopotomonstrosesquippedaliophobie. „Wer das Wort aussprechen kann, ist auch schon geheilt“, meint Hopf.

pepi-hopf

Pepi Hopf kochte für seine Gäste im Kabarett Niedermair Krautsuppe. Für die „Angstfreien“ gab es Ei-Aufstrich-Brote.

Der 46-jährige Kabarettist nimmt sich in seinem neuen Programm „Der Seelentröster“ dem allgegenwärtigen Thema „Angst“ an. Er sitzt dabei auf einem Barhocker und erzählt scheinbar locker lässig Anekdoten aus seinem Leben, von seiner Familie, aus seinem Heimatdorf. Doch das Programm ist gut durchdacht und behandelt eigentlich das Leben –  und wie man es meistern kann. Denn „Zu Tode gfurchten is a gstorben.“ Im Kabarett zu sitzen ist übrigens ungefährlich. Laut Google-Suche ist noch kaum jemand vor Lachen gestorben. Beim Premieren-Publikum von Pepi Hopf war es aber knapp.

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Premiere von Hedda Gabler

Wenn ein Stück zweieinhalb Stunden dauert und währenddessen keine Langeweile auftaucht, dann haben Schauspieler und Regie alles richtig gemacht. Die Premiere des Dramas „Hedda Gabler“ von Henrik Ibsen im Theater an der Josefstadt war ein voller Erfolg.

Zu sehen ist ein Machtkampf zwischen fünf Personen: Kulturhistoriker Jörgen Tesman (Michael Dangl), sein Kontrahent Eilert Lovborg (Raphael von Bargen) sowie der Gerichtsrat Brack (Peter Scholz) kämpfen um Ansehen und Ruhm. Auf der weiblichen Seite steigt Tesmans Frau Hedda (Maria Köstlinger) gegen Thea Elvsted (Raphaela Möst), die Geliebte von Lovborg, sowie gegen alle drei Männer in den Ring. Sie treibt mit ihren weiblichen Waffen ein gefährliches Spiel. „Ich möchte ein einziges Mal in meinem Leben die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal“, sagt Hedda. Ihr Wunsch geht schließlich in Erfüllung. Eine Geschichte voller Verwicklungen, Eifersucht, Wut und Macht.

Großer Applaus für Maria Köstlinger (Hedda Gabler)

Großer Applaus für Maria Köstlinger (Hedda Gabler) und das Ensemble bei der Premiere.

Obwohl sämtliche Charaktere extreme Stereotype verkörpern und das Stück sehr vorhersehbar ist, wird das Publikum gut unterhalten. In der Josefstadt-Inszenierung von Alexander Liedtke wird geschossen, die Bühne angezündet, gekonnt schockiert und provoziert. Ein spannender Theaterabend!

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Premiere von „Knistern der Zeit“

Die anfänglichen Befürchtungen, einen Kinoabend mit Theater-Nerds und Schlingensief-Fans zu erleben, waren unbegründet. Ein bunt durchmischtes Publikum erlebte heute die Österreich-Filmpremiere der Dokumentation „Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso“ im Akademietheater.

Zu Beginn las Schauspieler Joachim Meyerhoff – nachdem er theatralisch ein Glas Wasser austrank – aus dem neuen Buch „Ich weiß, ich war’s“ einen Text, in dem das Operndorf-Projekt vorgestellt wurde. Schon bevor Schlingensief an Krebs erkrankte, wollte er eine Oper, eine Schule, eine Krankenstation und Wohnungen in Afrika aufbauen. Dabei spielte aber (angeblich) nicht das Gutmensch-Syndrom, oder das Setzen eines Denkmals eine Rolle, sondern hauptsächlich die Kunst. Er wollte als Europäer den Afrikanern nichts aufzwingen, sondern von ihnen lernen. Er betrachtete Theater als Kunst für die Seele, als etwas Heilsames.

Moderator Claus Philipp, Regisseurin Sibylle Dahrendorf, Aino Laberenz und Francis Kéré.

Moderator Claus Philipp, Regisseurin Sibylle Dahrendorf, Aino Laberenz und Francis Kéré.

Der Film „Knistern der Zeit“ bekräftigte diese Gedanken. Man sah Schlingensief, wie er gemeinsam mit Architekt Francis Kéré und den Einheimischen in Burkina Faso ein Dorf aufbaute und – schon während der Entstehung – Theater spielte. Schlussendlich erlag Schlingensief seiner Erkrankung und seine Freundin Aino Laberenz entwickelte das Projekt weiter. Anfang 2013 soll die Krankenstation – mit dem Schwerpunkt auf Augen und Zähnen – fertig werden. In der bereits eröffneten Schule werden derzeit 100 Kinder unterrichtet.

Nach dem Film – der aus vielen Handykamera-Einstellungen und Zeitwechsel besteht – gab es eine Gesprächs- und Diskussionsrunde. Franicis Kéré reiste extra aus Afrika an, um bei der Premiere dabei sein zu können. Er war vom Film sichtlich gerührt und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Ich war heute um 15 Uhr noch im Operndorf. Und was soll ich sagen? Es läuft!“ Aino Laberenz erzählte vom neuen Buch, das hauptsächlich aus Tonaufzeichnungen von Schlingensief besteht: „Ich wollte den Künstler Schlingensief zeigen. Damit sich andere so viel wie möglich aus ihm rausholen können, so wie er es bei anderen Leuten auch gemacht hat.“

Die Premiere von „Knistern der Zeit“ war informativ, manchmal komisch und meist sehr berührend. Ein sehr empfehlenswerter Film – auch für jene, die Schlingensief vorher nicht kannten. Hier der Trailer zum Film.

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