„Idealer Gatte“ als Russland-Satire

Warum setzen sich Ende Mai tausende Menschen in Wien freiwillig in eine dunkle Halle und sehen sich dort ein vierstündiges Theaterstück – auf Russisch mit deutschen Untertiteln – an? Schuld sind die Wiener Festwochen: Am Programm steht der „Der ideale Gatte“, eine Produktion des  Tschechow Künstlertheaters Moskau. In Konstantin Bogomolovs Fassung spielt Oscar Wildes Komödie jedoch nicht in London, sondern in Russland. Auch die Geschichte weicht vom Original ab: Ein schwuler Schlagerstar hat eine Beziehung mit einem Minister – und wird mit einem Sexvideo erpresst.

Bogomolov kritisiert mit seinem Stück die offizielle russische Einstellung zur Homosexualität, die Korruption, den Nationalstolz, die reiche Gesellschaft, die Olympischen Spiele in Sotschi, den Kreml. Es ist eine Inszenierung, die Politiker in Russland angeblich gerne verbieten würden, aber aufgrund des großen Erfolgs beim Publikum nicht können. Auch in Wien sitzen sehr viele Russen im Publikum.

Der Ideale Gatte

Applaus für ein mutiges Ensemble im MuseumsQuartier

Keine Frage, vier Stunden sind eine lange Zeit. Aber die Schauspieler spielen hervorragend. Stück sowie Inszenierung sind zudem äußerst unterhaltsam: Es wird getötet, gesungen und amerikanische Popmusik gespielt, es wird auf der Bühne mitgefilmt und live auf Leinwand übertragen, es gibt Rückblenden, Videoeinspielungen und skurrile Werbeunterbrechungen. Zusätzlich wird die Geschichte mit Anspielungen, Zitaten und Kommentaren aus „Faust“, „Romeo und Julia“, „Drei Schwestern“ und „Dorian Gray“ aufgepeppt.  Zwei Zitate, die in Erinnerung geblieben sind: „Frauen sind ein dekoratives Geschlecht“ (Oscar Wilde) oder „Frauen inspirieren uns zu großen Dingen und hindern uns dann, sie auszuführen“ (Alexandre Dumas der Jüngere). Fazit: Ein unkorrekter, böser, hochpolitischer Theaterabend, der jede Menge Spaß macht.

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Nebel des Krieges in Favoriten

Heute geht eine der besten Festwochen-Produktionen zu Ende: „Die Kinder von Wien“ von Robert Neumann in der Inszenierung und Fassung von Anna Maria Krassnigg. Das Werk erzählt von „übrig gebliebenen“ Kindern, die den Krieg überlebt haben, auf sich alleine gestellt sind und sich im Winter 1945/46  in einem ruinenhaften Keller verstecken. Dort versuchen sie durch Diebstahl, Raub, Mord, Handel am Schwarzmarkt und Prostitution zu überleben. Ein amerikanischer Reverend findet die Gruppe, gewinnt ihr Vertrauen und versucht sie aus ihrer misslichen Lage zu retten. Doch der Versuch scheitert…

links bühne rechts bar

Beeindruckende Atmosphäre in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik: Links das Bühnenbild, in der Mitte der Publikumsbereich, rechts das „Foyer“.

Das Besondere an dieser Inszenierung ist vor allem das Bühnenbild. Das Stück spielt in einer großen Halle. Alles ist vernebelt. Für den ORF durfte ich übrigens ein Interview mit der Regisseurin Anna Maria Krassnigg führen.

Keller

Der Nebel des Kriegs: Gruselige Kellerstimmung

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Totentanz bei den Festwochen

Wer geht an einem 35 Grad heißen Sommerabend freiwillig zu den Wiener Festwochen, wenn das Stück 3,5 Stunden dauert? Bei „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von Ödön von Horváth in der Inszenierung von Christoph Marthaler macht sich sowas bezahlt.

Zum einen war die Halle E im Museumsquartier derart heruntergekühlt, dass man als Besucher glauben konnte, sich in der Kühlkammer des Anatomieinstitutes zu befinden, das auf der Bühne zu sehen war. Das Stück beginnt mit einem kurzen, wortlosen Sketch, der an ein Vorprogramm im Kino erinnert. Ein Mann steigt auf eine Leiter, um den Schriftzug „Anatomieinstitut“ zu vervollständigen. Dann bricht die Leiter zusammen. Begleitet wird er von E-Gitarrenmusik.

Vor dem Bühnenbild ist ein Orchestergraben mit vielen Sesseln und Notenständern aufgebaut. Auf Musiker wartet man aber vergeblich. Diese werden durch Verstärker und Lautsprecher ersetzt, die auf den Sesseln platziert wurden. Den Chor bilden die Schauspieler auf der Bühne. Sie singen teils furchtbar falsch, aber mit Begeisterung, manchmal aber auch erstaunlich richtig und mehrstimmig. Einen Dirigenten (Clemens Sienknecht) gibt es auch. Er begleitet den Abend am Klavier und als Sänger. Das Hauptthema bildet Frédéric Chopins „Marche funèbre in b-Moll“. Dazwischen werden andere Begräbnislieder wie „Der gute Kamerad“ oder „Der Tod und das Mädchen“ dargeboten. Die Musik wird immer verfälscht. Es klingt, als würde ein Teil des Orchesters während der Stücke noch mit dem Stimmen beschäftigt sein. Höhepunkt ist der Radetzkymarsch, der, gemischt mit Maschinengewehr- und Bombengeräuschen, unertäglich laut abgespielt wird. Allein schon wegen der schrägen Musik ist diese Inszenierung empfehlenswert!

Grob zusammengefasst der Inhalt: Eine junge Frau möchte aufgrund finanzieller Probleme ihren (künftig) toten Körper an das Anatomieinstitut verkaufen und wird von Männern (Polizist, Gerichtsrat, Präparator) langsam in den Selbstmord getrieben. Ödön von Horváth schrieb das Stück zwischen den beiden Weltkriegen – und das merkt man auch. Die Uraufführung wurde 1933 von den Nationalsozialisten verboten.

Ein roter Faden, der sich durch das Stück zieht, sind Doppeldeutigkeiten im Text und eine extreme Entschleunigung in der Ausführung. Der Text von Ödon von Horavth funktioniert ohne Frage auf mehreren Ebenen. Dies wird dadurch dargestellt, dass die junge Frau Elisabeth zweifach besetzt ist und mehrere Szenen  – wie bei der Kleinkindersendung „Teletubbies“ – wiederholt werden. Da ohnehin alles im Zeitlupentempo abläuft, kann man als Besucher den Text schon bald mitsprechen. Diese Langsamkeit kann einen in den Wahnsinn treiben. Das geschah auch – und so verließen dutzende Besucher schon während der ersten Hälfte und dann spätestens in der Pause die Vorstellung. Die Stücklänge hätte man sicher um die Hälfte kürzen können. Allerdings entsteht gerade durch diese Langsamkeit die bedrückende Stimmung, die in „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ständig vorhanden ist. Damit man dennoch immer im Geschehen bleibt, werden Überraschungen eingebaut. Humorvolle Dialoge oder Details im Bühnenbild, es wird gemordet und geküsst – und zweimal zerschlägt ein Schauspieler eine Glasflasche auf seinem Kopf.

Fazit: Spannende Aufführung mit grandiosem Ensemble. Vor allem Musiker Clemens Sienknecht ist genial. Das Stück hätte man jedoch – trotz allem – etwas kürzen können.

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Festwochen: Pornokrimi im Theater

Zwei Kommissare von Scotland Yard, ein großer und ein kleiner, versuchen einen Mordfall zu lösen. Einer Prostituierten wurde der Kopf abgesägt. Die Spur führt nach Deutschland – soweit zur Geschichte von „Three Kingdoms“, das heute im Theater an der Wien seine „Festwochen-Premiere“ feierte.

Das Bühnenbild besteht aus einem Holzkasten. Darin finden dutzende Verhöre statt, es werden Pornofilme gedreht, es springen Leute aus Reisekoffern, es wird gesungen und Prostituierte gehen als Rehe und Freier als Wölfe ihren Tätigkeiten nach. Die Dialoge der englischsprachigen Schauspieler sind amüsant, sie erinnern auch etwas an das Duo Stermann und Grissemann. Für die deutschsprachigen Schauspieler schämt man sich ein bisschen. Vielleicht wegen der Sprache? Die Esten sind grandios – und verkörpern im Stück komischerweise östliche Staaten wie Russland.

Fazit: Die Inszenierung von Sebastian Nübing ist humorvoll, spannend und kommt ohne großer technischer Hilfsmittel aus. Hin und wieder gibt es Momente, die durch Musik in die Länge gezogen werden oder langweilige Dialoge, die ins Nichts führen. Gerne wird auch provoziert (Frauen mit umgeschnallten Dildos, Männer die am Hintern bluten, viele Nackte, viele Gewaltszenen,…) Ansonsten ein sehr unterhaltsamer Theaterabend. Ein Krimi, der vielleicht wegen zu hohen Niveaus, vom Fernsehen ins Theater verlegt wurde.

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Langweiliger Liebesdialog von Peter Handke

Die schönen Tage von Aranjuez sind vorbei – ich war vergebens hier„, so ein Zitat aus der Festwochenproduktion von Peter Handke und Luc Bondy (Regie) im Akademietheater. Dieser Satz trifft die Beschreibung des Theaterabends auf den Punkt. Dörte Lyssewski und Jens Harzer führten auf der Bühne einen Sommerdialog über die Liebe – leider einen ziemlich langweiligen. Erst nach fünfundfünzig Minuten schmunzelte das Publikum zum ersten Mal. Ein Lebenszeichen! Ansonsten sah man nur eine konzentrierte Souffleuse in der ersten Reihe, Leute, die genervt die Vorstellung verließen und lang anhaltendes Gegähne – und das, obwohl das Saallicht nie abgedunkelt wurde. Hätte es eine Pause gegeben, wäre wohl die Hälfte des Publikums gegangen.

Dörte Lyssewski (rechts) und Jens Harzer (links) ernten höflichen Applaus

Dörte Lyssewski (rechts) und Jens Harzer (links) ernten höflichen Applaus

Die Dialoge sind stinklangweilig. Man hofft vergebens auf Überraschungen und lässt sich von billigen Gags zum Schmunzeln verleiten. Jens Harzer verkleidet sich als Indianerhäuptling und schaut blöd (Gelächter). Jens Harzer spritzt sich Blut ins Gesicht und auf sein Hemd (Gelächter). Jens Harzer verschüttet Sekt am Gartentisch (Gelächter). Jens Harzer ist Oberkörperfrei (Gegaffe). Das waren die Höhepunkte des Stücks. Leider. Das war die langweiligste Festwochenproduktion der Saison. Respekt verdienen die Schauspieler, die den irrsinnig langen Text gelernt hatten und mit Leidenschaft darboten.

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Festwochen: The Master and Margarita

Eine Mischung aus Tarantino-Filmen und Inception – so könnte man die Inszenierung „The Master and Margarita“, die bei den Wiener Festwochen große Erfolge feiert, zusammenfassen. Regisseur Simon McBurney verwandelte den gleichnamigen Roman von Mikhail Bulgakov in ein verstörendes und bewegendes Psychatrie-Traumspiel. Auf der Bühne agieren nicht nur Schauspieler, sondern auch Videokünstler und Puppenspieler. Inhaltlich fühlt man sich an Faust erinnert. Der Teufel treibt in Moskau sein Unwesen, es gibt eine Art Gretchen, die einen Pakt mit ihm eingeht. Dann gibt es noch einen Schriftsteller, der die Geschichte von Jesus, Pilatus und Judas neu erzählt.

Großer Applaus für "The Master and Margarita"

Großer Applaus für „The Master and Margarita“

Höhepunkt der Inszenierung sind Lichteffekte und Videoprojektionen, die beinahe für das gesamte Bühnenbild verantwortlich sind. Die Räume und Türen werden – wie bei Architekturplänen – mit Linien dargestellt. Durch die Kameras sieht man die Szenen gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven und einmal wird das Publikum sogar selbst zum Akteur. Als Requisiten reichen dem grenzgenialen Ensemble im wesentlichen Stühle, ein Tisch, ein Bett, eine Zimmerwand und eine Art Telefonzelle. Begleitet wird das Spektakel, wie bei einem Hollywood-Film, von einem Soundtrack.

Die „The Master and Margarita“-Inszenierung provoziert mit einer Jesus-Kreuzigung, Hinrichtungen oder einem erschossenen Kind, sie übertreibt mit Blutspritzer, die an „Kill Bill“ oder „300“ erinnen, sie bedient die Theater-Freikörperkultur mit obligatorisch nackten Schauspielern, sie fasziniert mit ihren ständigen Verwandlungen von Räumen und Dimensionen – und zusätzlich beweist sie auch Tiefe. Fazit: Sehr empfehlenswert! Bis jetzt das Beste, das die Wiener Festwochen 2012 zu bieten hatten.

Randnotiz: Das Stück dauerte über drei Stunden. Solche Längen sind kaum auszuhalten, da im Sommer das Burgtheater eine gefühlte Innentemperatur von vierzig Grad Celsius hat. Die heutige Vorstellung war schon fast gesundheitsgefährdend. Die Besucher waren so ausgetrocknet, dass sie in der Pause nicht nur die Bars stürmten, sondern sich auch bei den Waschbecken am WC zum Wassertrinken anstellten.

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La Traviata: Musik ist Top, Inszenierung ein Flop

Was kann man von der Festwochen-Produktion „La Traviata“ erwarten – und was nicht? Sopranistin Irina Lungu begeistert mit ihrer Stimme (und Schönheit) in der Rolle der sterbenskranken Violetta, der Tenor Saimir Pirgu überzeugt als Liebhaber Alfredo und  Bariton Gabriele Viviani singt sich als dessen Vater in die Herzen des Publikums.

Nicht nur die Solisten, sondern auch der Arnold Schoenberg Chor und das ORF Radio-Symphonieorchester sind grandios, aber das wird bei Festwochen-Produktionen auch erwartet. Die Inszenierung von Deborah Warner ist nichts Besonderes und auch das Bühnenbild von Jeremy Herbert ist bis auf ein paar Lichteffekte völlig unspektakulär und minimalistisch angelegt. Der Inhalt der Oper ist sowieso bescheiden, sodass es sich nicht lohnt, den Text mitzulesen. Das ist aber gut so, denn so kann man sich auf das Wesentliche der Oper konzentrieren – auf die Musik von Giuseppe Verdi.

Omer Meir Wellber sitzt am Dirigentpult

Dirigent Omer Meir Wellber sitzt zwischen den Akten ruhig und gelassen am Dirigentpult

Im Zentrum der Musik (und der Kritiker) stand der junge Dirigent Omer Meir Wellber. Mit gerade einmal 31 Jahren leitete der israelische Komponist und Dirigent bereits Konzerte von Peking bis Wien. Trotz seiner beachtlichen Erfolge wirkte er bei der Wiener „La Traviata“ äußerst bescheiden. Zu Beginn begrüßte er das Orchester und wartete vor leerem Notenpult ruhig und gelassen auf den Beginn der Aufführung. Während der Oper dirigierte er höchst konzentriert und überließ nichts dem Zufall. Jeder Einsatz wurde gegeben, jeder Übergang wurde von ihm bestimmt. Bei den Arien lenkte er Ton für Ton und sang mit den Solisten leise mit. Damit gab er zwar Sicherheit, überließ den Musikern und Solisten aber keinen Freiraum.

In den Pausen wischte sich Omer Meir Wellber den Schweiß von der Stirn, schloss die Augen, neigte den Kopf und wartete ruhig auf seinen nächsten Einsatz. Immer wieder ließ er seinen energischen Blick durch den Orchestergraben wandern, trieb das Orchester an und beruhigte es sofort wieder. Er verstand es, die Musik von G. Verdi so zu interpretieren, dass man als Zuhörer vor Ergriffenheit eine Gänsehaut bekam. Wenn eine Stelle gut gemeistert wurde, applaudiert er voller Freude mit dem Dirigentenstab und gratulierte den Solisten und Musikern. Dazu hatte er oft die Gelegenheit.

Großer Applaus für das "La Traviata"-Ensemble

Großer Applaus für das „La Traviata“-Ensemble

Fazit: Die Festwochenproduktion „La Traviata“ ist ein musikalischer Traum und ein Erlebnis. Sowohl Dirigent Omer Meir Wellber als auch die Solisten liefern eine beachtliche Leistung ab. Diese Meinung teilten bisher zwar nur die wenigsten Kritiker, das Publikum zeigte sich jedoch mit lang anhaltendem Applaus und „Bravo“-Rufen begeistert. (Randnotiz: Ich bin froh, dass sich Österreich solche Produktionen leisten kann. Meine Studenten-Sitzplatzkarte über dem Orchestergraben kostete so viel, wie zwei Wurstsemmeln.)

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